Wenn ein Künstler treue Fans hat, die nicht nur den gesamten Katalog in- und auswending kennen, sondern auch auf ganze Konzerttourneen nachreisen und Lyrics der Songs als Lebenshilfe nutzen, dann kann dies bei der Veröffentlichung von neuem Material zu einer Last werden.

Die Fans haben bestimmte Erwartungen und möchten nur eines: Neue Songs, die eigentlich eine Kopie des bisherigen Materials sind. Das funktioniert normalerweise bei seichten Pop-Acts, solange diese das bewährte Songwriting- und Produzententeam nicht auswechseln. Verkrachen sich allerdings die Stars mit ihren Hitmachern, dann kann dies zu einem üblen Karriereknick führen. Als Robbie Williams fand, er sei nicht mehr auf die Songwriting-Künste von Guy Chambers angewiesen, verloren die danach produzierten CDs ihre Hitqualität. Die Fans und Kritiker waren enttäuscht, weil das Altbewährte nicht mehr vorhanden war.

Noch viel gravierender ist diese Erwartungshaltung der Fans bei Originalkünstlern. Musiker und Bands, welche ihre Songs selber schreiben, sind von ihrer Gefolgschaft fast dazu verdammt, immer und immer wieder Aufnahmen nach gleichem Strickmuster abzuliefern. Fans wollen sich wohlfühlen und verstanden werden. Kommt ein Künstler vom ursprünglichen Weg ab, wird das sofort als Verrat angesehen.

Das war bei Bob Dylan in den 60ern so, als er sich wagte eine Scheibe elektrisch verstärkt und mit Band einzuspielen. Und das ist heute nicht anders. Wenn Bon Jovi mit einer Country-Band in Nashville kollaboriert schreien die Rockfans auf. Aber die Musikwelt hat sich geändert. 2010 gibt es kein Genre-Labeling mehr. Gerade die Award-Shows sind ein Beispiel dafür. Slash würgt seine Gitarre auf der Bühne mit Jay-Z, Elton John sitzt mit Lady Gaga am Klavier, Beyonce covert Alanis Morrisette und Taylor Swift wird vom ehemaligen Indie-Rocker und heutigen Top-Produzenten und All-Around Badass Butch Walker am Banjolino begleitet.

Gerade Butch Walker ist ein Beispiel dafür, wie Fans zu hohe oder falsche Erwartungen haben. Seit drei Tagen streamt das neue Album „I liked it better when you had no heart“ auf verschiedenen Internet-Seiten. Und obwohl die Songs schnörkellos produziert sind und wie immer die Melodie im Vordergrund steht, ist die Fangemeinde gespalten. Grund dafür ist, dass Butch Walker diesmal Elemente der Musik der 60ern mit Folk und Country vermischt und nebenbei seinem Idol Elvis Costello huldigt. Die Fans allerdings erwarten epochale Powerballaden und eingängige Pop-Rock-Songs zum mitsingen.

„Ich bin irgendwie enttäuscht. Ich mag dieses Country-Zeugs nicht wirklich und das scheint genau der Weg zu sein, welcher er (Butch) geht. Wenn ich zum ersten Mal in eine CD reinhöre, dann sollen die Songs aufregend sein, mich berühren. Und ich will sie sofort lieben.“ (Butch Walker Fan)

Genau hier liegt das Problem. Der Musik-Fan von heute will Musik nicht mehr entdecken, sondern will uniformierte Musik, welche nach einem bestimmten Schema gestrickt ist, welche genau den Vorstellungen der sogenannten Fans entspricht. Die persönliche Entwicklung des Künstlers und somit die Bewahrung der Eigentständigkeit steht nicht im Vordergrund.

Eine Entwicklung, welche unweigerlich dazu führen wird, dass Original-Musiker aussterben und wir nur noch Performer mit Hitproduktions-Maschinerie im Hintergrund als Instant-Stars mit 15 Minuten Ruhm haben werden. Um danach von neuen auswechselbaren Performern mit den gleichen Songwritern/Produzenten abgelöst zu werden.

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